Die wichtigsten neuen Erkenntnisse zur Genetik, Entzündung und Pathophysiologie des Lipödems
Der Lipedema World Congress 2025, der dieses Jahr in Rom stattfand vom 5-8 November, gehört zu den bedeutendsten internationalen Veranstaltungen rund um das Krankheitsbild Lipödem. Expert*innen aus Medizin, Forschung und Patient:innenorganisationen aus Europa, Nordamerika und Asien kamen zusammen, um den aktuellen Wissensstand auszutauschen und neue Studien vorzustellen.
Dieser Bericht fasst alle wichtigen Kongressinhalte, Diskussionen, wissenschaftlichen Erkenntnisse und Vorträge kompakt und verständlich für Betroffene zusammen.

1. Überblick: Was wurde beim Lipedema World Congress 2025 behandelt?
Der Kongress 2025 stellte klar:
Lipedema ist eine komplexe Erkrankung, die genetische, entzündliche und hormonelle Mechanismen miteinander verbindet. Der Fokus lag darauf, die Ursachen des Lipödems zu verstehen und evidenzbasierte Behandlungsmöglichkeiten weiterzuentwickeln.
Hier die Hauptthemen:
A) Genetik und molekulare Grundlagen
Führende Forscher*innen aus Italien, den USA und Deutschland stellten neue Daten zu genetischen Mutationen vor, die bei vielen Betroffenen nachweisbar sind.
Schwerpunkte:
- Genmutationen wie AKR1C1, AKR1C2, PIK3CA
- gestörte Fettzellvermehrung
- hormonelle Fehlsteuerungen, besonders Progesteron-Signalwege
- Umweltfaktoren, die Gene aktivieren können
Fazit: Lipödem ist klar genetisch mitbedingt – unabhängig von Lebensstil oder Körpergewicht.
B) Veränderungen im Fett- und Bindegewebe
Mehrere Arbeitsgruppen zeigten, wie sich Lipödem-Fett von normalem Fett unterscheidet:
- erhöhte Entzündungsaktivität
- veränderte Adipozyten-Funktion
- frühe Fibroseprozesse
- kapillare Instabilität
- Lymphstauung durch Mikroentzündungen
Diese Mechanismen erklären Schmerzen, Schwellungen, Knoten und die typische Druckempfindlichkeit.
C) Mastzellen (MCAS) und Entzündung
Ein großer Programmpunkt war die Rolle von Mastzellen – ein Trendthema 2025.
Studien aus den USA zeigten:
- bis zu 37 % der Lipödem-Betroffenen haben Laborwerte, die zu MCAS passen
- Mastzellen lösen Schwellung, Druckschmerz und Fibrose aus
- Histamin und andere Botenstoffe beeinflussen das Gewebe direkt
Diese Erkenntnisse könnten zukünftige Therapieformen verändern.
D) Diagnostik – „Wie erkennen wir Lipödem besser?“
Diskutierte Themen:
- moderne Bildgebung (Hochauflösungs-Ultraschall, MRT-Lymphangiographie)
- Abgrenzung zu Adipositas, Lymphödem, Dercum
- frühe Diagnose in Stadium 0/1
- Bedeutung der Familienanamnese
- Auswertung von Histologie- und Fettgewebe-Proben
Ziel: ein international einheitliches Diagnose-Protokoll.
E) Konservative Therapie
Vorträge behandelten:
- Bedeutung von Bewegung (v. a. Krafttraining & Aquatraining)
- Ernährung zur Entzündungsreduktion (keine Diät zur Heilung!)
- Kompression & Lymphdrainage
- Schmerzmanagement
- psychologische Unterstützung
F) Operative Therapie (Liposuktion)
Experten aus Deutschland, Italien und den USA präsentierten Ergebnisse zu:
- Sicherheit verschiedener Techniken
- Einfluss der OP auf Schmerzen, Gewebe und Mobilität
- postoperative Versorgung
- Risikomanagement
Die klare Aussage: Operation hilft vielen, ist aber kein Ersatz für medizinisches Gesamtkonzept.
G) Psychosoziale Aspekte
Ein ganzer Tagesblock war Patient*innen gewidmet.
Themen:
- Stigmatisierung im medizinischen System
- Fehldiagnosen
- gesellschaftliches Unverständnis
- mentale Belastung & Trauma
- Selbsthilfe, Empowerment und Education
H) Internationales Konsensprojekt
Auch 2025 wurde daran weitergearbeitet:
Internationale Expert*innen erarbeiteten ein globales Positionspapier, das Diagnose und Therapie langfristig vereinheitlichen soll.
2. Die wichtigsten neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse – für Betroffene erklärt
Der Kongress machte deutlich:
- Lipödem ist eine genetisch-bedingte Erkrankung
- Entzündungen – v. a. durch Mastzellen – spielen eine zentrale Rolle
- Fettzellen im Lipödemgewebe verhalten sich anders und wachsen anders
- Schmerzen und Schwellungen sind biologisch erklärbar
- Diät & Sport können Symptome verbessern – aber nicht heilen
- Psychische Faktoren sind Folge, nicht Ursache
3. Relevanz für typische Lipödem-Symptome
Basierend auf den Kongressdaten und den vorgestellten Studien:
Schmerzen
– entstehen durch Entzündung, Druckempfindlichkeit und Fibrose.
– Mastzell-Aktivierung verstärkt Schmerzsignale.
Wassereinlagerungen / Schwellungen
– Lipödemfett zieht Wasser an
– Kapillaren sind instabil
– MCAS verstärkt Ödeme
– Lymphsystem wird überlastet
Gewichtszunahme speziell an Beinen/Armen
– genetisch bedingte Übervermehrung der Fettzellen (z. B. durch PIK3CA)
– hormonelle Steuerung des Fettgewebes gestört
– kein Lifestyle-Problem!
Druckempfindlichkeit / blaue Flecken
– kapillare Instabilität
– entzündliches Mikromilieu im Gewebe
harteres Gewebe / Knoten
– Fibrose durch Mastzell-Mediatoren
– progressive Gewebeveränderungen
4. Top-Studien des Kongresses
Genetics in Lipedema
Bertelli, Michelini, Maltese – Italien
Ziel
Untersuchung genetischer Ursachen des Lipödems, besonders:
- AKR1C1
- AKR1C2
Erkenntnisse
- Mutationen in AKR1C1 → gestörter Progesteronstoffwechsel
- Überexpression/Mutation von AKR1C2 bei ~24 % der Betroffenen
- Umweltfaktoren könnten diese Gene zusätzlich aktivieren
- Beide Gene beeinflussen Fettzellvermehrung
Bedeutung
- Starker Hinweis auf genetische Grundlage
- Basis für zukünftige Gentests
- Hormone (v.a. Progesteron) spielen große Rolle
Genetic Analysis of Adipose Tissue from Patients with Lipedema
P. Meyer – Italien
Ziel
Analyse von somatischen und Keimbahnmutationen in Lipödem-Fettgewebe.
Erkenntnisse
- Nachweis der Mutation PIK3CA (c.3140A>G)
- Mutation bekannt aus Überwuchssyndromen
- führt zu übermäßiger Fettzellvermehrung (Proliferation)
Bedeutung
- erklärt „unaufhaltsames“ Fettwachstum
- zeigt pathophysiologische Grundlage der Krankheit
- Basis für neue gezielte Therapien
Mast Cell Activation Syndrome (MCAS) & Lipedema
K.L. Herbst – USA
Ziel
Untersuchung der Rolle der Mastzellen bei Lipödem.
Erkenntnisse
- 37,5 % der Patientinnen mit MCAS-Verdacht hatten positive Laborbefunde
- Mastzellen beeinflussen:
- Fibrose
- Angiogenese
- Schmerzempfindlichkeit
- Schwellungsneigung
Bedeutung
- MCAS-Diagnostik kann Symptome erklären
- Behandlung von MCAS kann Lipödembeschwerden lindern
- Entzündungen spielen größere Rolle als bisher gedacht
5. Wichtige Tests für Betroffene (aus den Studien abgeleitet)
MCAS-Tests
Urin (empfohlen):
- N-Methylhistamin
- Prostaglandin D2 / 9α-PGF2
- Leukotrien E4
Blut:
- Tryptase
- Chromogranin A
Genetische Tests
(derzeit Privatleistung)
- AKR1C1 / AKR1C2
- PIK3CA
Bildgebung
- Hochauflösungs-Ultraschall
- MRT-Lymphangiographie
6. Quellenhinweis (für Transparenz)
Die Inhalte basieren auf:
- wissenschaftlichen Präsentationen des Lipedema World Congress 2025 in Rom
- Studienpräsentationen der Forschungsgruppen aus Italien (AKR1C1/2, PIK3CA) und USA (MCAS)
- Kongressprogrammen, Fachvorträgen und Research Abstracts
- internationaler Lipödem-Fachliteratur und Expertenstatements
- https://2025-lipedema-world-congress.com/
- https://www.lipedema-world-congress.com/
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38112954/
- https://lipedema.net/the-first-world-congress-on-lipedema-a-global-gathering-of-experts/
- https://www.lipedema-world-congress.com/program
- https://www.clinicaterapeutica.it/2023/174/6-Suppl/31_844_Bonetti.pdf
- https://www.scielo.br/j/jvb/a/VtfxqW3hknsDFw8BGFPfTTb/?format=pdf
- https://www.researchgate.net/publication/391446693_An_Advanced_Pneumatic_Compression_Therapy_System_Improves_Leg_Volume_and_Fluid_Adipose_Tissue_Thickness_Symptoms_and_Quality_of_Life_and_Reduces_Risk_of_Lymphedema_in_Women_with_Lipedema
| Jahr | Titel / Quelle | Inhalt / Bedeutung |
|---|---|---|
| 2025 | A Disease Triggered by M2 Polarized Macrophages? (Thomas Grewal et al.) | Neuer Review, der eine zentrale Rolle von M2-Makrophagen (eine Form von Immunzellen) bei Lipödem vorschlägt. Zeigt, dass Veränderungen im Fettgewebe — entzündliche und strukturelle — bei Lipödem früh auftreten können. (PubMed) |
| 2025 | Defining lipedema’s molecular hallmarks by multi-omics approach for disease prediction in women (Leon G. Straub et al.) | Ganz neue Studie mit „Multi-Omics“ (Genforschung, Proteomik, Metabolomik). Sie beschreibt molekulare Marker und Veränderungen (z. B. Stoffwechsel, Mitochondrien, Entzündungs-/Signalwege), die Lipödem von normalem Fett unterscheiden — potenziell mit Bedeutung für zukünftige Diagnostik und Therapie. (PubMed) |
| 2025 | Lipedema: exploring pathophysiology and treatment (F. Kamamoto, J. Munaretto Timm Baiocchi u.a.) | Narrative Übersicht zur aktuellen Datenlage: Pathophysiologie, klinische Merkmale, konservative und operative Therapie. Zeigt, dass obwohl Fortschritte gemacht wurden, noch viel Forschung nötig ist — besonders zu Wirksamkeit & Sicherheit verschiedener Behandlungsoptionen. (PubMed) |
| 2024 | Lipedema: clinical characteristics, complications, and the importance of evidence-based practice (Ana Carolina Padilha de Paula & Jônatas de Oliveira) | Übersichtsarbeit, die klinische Merkmale, Komplikationen und aktuellen Standard der Behandlung zusammenfasst. Hilfreich, um Lipödem von Adipositas oder Lymphödem besser abzugrenzen und realistische Erwartungen bei Therapieoptionen zu haben. (PubMed) |
| 2023 | AKR1C1 and hormone metabolism in lipedema pathogenesis: a computational biology approach (J. Kaftalli et al.) | Erste Studie, die mit Computersimulationen genetische Varianten im Gen AKR1C1 untersucht — mit dem Ergebnis, dass bestimmte Varianten die Funktion des Enzyms stören und damit Lipödem begünstigen könnten. Wichtig, weil sie genetische Ursachen stärkt. (PubMed) |
| 2023 | Serum Metabolomic Profiling of Patients with Lipedema (S. Kempa et al.) | Untersucht Stoffwechselfaktoren bei Lipödem im Blut (Metabolomics). Legt nahe, dass es messbare Unterschiede zu gesunden oder adipösen Kontrollen gibt — potenziell relevant für Diagnostik bzw. das Verständnis der Stoffwechselvorgänge beim Lipödem. (PubMed) |
| 2023 | Sodium Cromoglycate as a Possible Treatment of Lipedema (G. Bonetti et al.) | Pilotstudie, die untersucht, ob ein Mastzell-Stabilisator (Sodium Cromoglycate) bei Lipödem wirksam sein könnte — durch Verringerung der Mastzellaktivität und damit möglicher Entzündungen. Anfang eines Ansatzes, dass Immunmodulation helfen könnte. (PubMed) |
11 Kommentare zu „Lipedema World Congress 2025“
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P.S.
Den Dialog op dëser Plats as net einfach.
Mir mussen drun denken fir ëmmer rem un d ‚Enn vun dengem Beitrag SICHEN ze goen op du eis geäntwert hues.-
Merci fir de Feedback. Normalerweis sollt et esou programméiert sinn, dat dir eng Benorichtigungen kritt wann ech äntweren.
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Vill, villmoos merci fier di super Analyse an di Méih déi Dier iech gemaacht hudd fier di komplex Analysen vum World Lipodema verständlech ze maachen
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Merci villmools dat Dir iech Zäit geholl hutt, mir e Feedback ze ginn. Dat freet mech, wann den Artikel gutt ugeholl gëtt.
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Villmols merci vir all déi interessant Informatiounen
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Ganz gären. Villmools merci fir de Kommentar 🙂
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Hallo Martine
Hues du selwer die Zusammenfassung geschriwen? Wa jo, dann chapeau an villmôls Merci fir die wichteg Infoen.
Hues du, oder mechs du déi bei Punkt 5 recommandéiert Analysen bei dir?-
Hallo Sylvie. Jo hunn mir informatiounen zesummen gesicht an mat Iwwersetzer geschafft. Och fir déi medizinesch Fachwieder ze verstoen ;).
Éierlech gesot weess ech net a wei fern mir dat alles zu Lëtzebuerg kennen testen loossen.
Déi Tester déi do sinn fir zebeweisen, dass ech Lipödem hunn, brauch ech net fir mech perséinlech. Ech weess dat ech Lipödem hunn, a mäin Ëmfeld huet dat och akzeptéiert, well ech hei eng gutt Opklärungsaarbecht geleescht hunn.
Déi aner Tester, wou d‘ Waasser hier kënnt, wou de Wéi hier kënnt,… sinn fir mech de Moment keen Thema. Ech hunn aktuell kaum bis guer net wei, hunn zeguer de Lymphödem aktuell bekämpft. Ech huelen zeguer aktuell ganz lues of, Woch fir Woch. Dofir sinn ech perséinlech mat esou Tester an Medikamenter huelen, immens virsiichteg. Leider ass eis Gesellschaft oft ze bequem oder einfach iwwerfuerdert an probéieren no enger méi einfacherer „Léisung“ ze sichen. Ech hu mäi Kierper aktuell komplett ënner Kontroll. Ech wëll net soen dat dëst aneren Betraffener awer kann hëllefen, an wann et och just ass fir déi psycheg Wonnen ze heelen. Wahrscheinlech brauchen och vill Betraffener genau dat doen fir hieren Kierper ze verstoen. Och fir Dokteren ass et méi einfach ze verstoen, déi stiechen jo net an eiser Haut an verstinn gréisstendeels net wat mir matmaachen. Wei och? Dofir fannen ech, falls dëst méiglech ass zu Lëtzebuerg, soll Jiddereen fir sech selwer entscheeden wat e mëscht an wat net an wat engem hëllefen kann.-
Jo , genau wat ech geduecht hun.
Die Tester sin gud bei engem Anfangsverdacht op Lipödem bei 0/1
Bei offensichtliche Fäll brengt et naischt Neies.
As trotzdem gud dass d’Fuerschung e Fuedem font huet.
Ech sin frou fir nächst Generatioun
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Top ! Merci fir all dës wichteg Informatiounen 🙂
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Ganz gäeren. Merci villmols fir däi Kommentar
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