Wir möchten nicht nur betroffene Personen, Interessierte, Politiker und Ärzte über das Thema Lipödem und Lymphödem informieren, sondern auch uns selbst kontinuierlich weiterbilden, um immer auf dem neuesten Stand der Forschung zu bleiben. So haben Nathalie und Martine kürzlich an einer Weiterbildung teilgenommen, bei der unter anderem aktuelle Forschungsergebnisse und Studien vorgestellt wurden. Ein Thema, das dabei angesprochen wurde, waren die Diagnostik und der BMI bei Lipödem. In diesem Zusammenhang möchten wir euch nun über eine interessante Studie aufklären, die sich mit dieser Thematik beschäftigt.

Die korrekte Diagnostik des Lipödems ist entscheidend, um Fehldiagnosen zu vermeiden und den Gesundheitszustand der Betroffenen realistisch zu bewerten. Traditionell wird der Body-Mass-Index (BMI) häufig genutzt, um Fettleibigkeit zu diagnostizieren. Studien zeigen jedoch, dass der BMI bei Lipödem-Patientinnen unzuverlässig ist. Stattdessen bietet der Waist-to-Height-Ratio (WHtR), also das Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße, eine wesentlich genauere Grundlage zur Beurteilung des Fettgewebes.
Warum ist der BMI unzuverlässig?
Der BMI basiert lediglich auf dem Verhältnis von Körpergewicht zur Körpergröße und berücksichtigt weder die Fettverteilung noch die individuelle Körperzusammensetzung. Bei Lipödem-Patientinnen führt dies häufig zu Fehldiagnosen:
- Viele Betroffene werden aufgrund ihrer erhöhten Fettansammlungen an Beinen und Hüften als adipös eingestuft.
- Der BMI kann jedoch nicht zwischen Lipödem-Fett und metabolisch relevantem abdominalem Fett (Bauchfett) unterscheiden, das für Gesundheitsrisiken wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausschlaggebend ist.
Die Vorteile des WHtR
Im Gegensatz zum BMI fokussiert der WHtR auf das abdominale Fett, das als Indikator für metabolische Risiken dient. Das Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße ist somit eine deutlich präzisere Methode, um den tatsächlichen Gesundheitszustand zu bewerten. Studien zeigen, dass viele Lipödem-Patientinnen gemäß WHtR im Normalgewichtsbereich liegen, obwohl sie nach dem BMI fälschlicherweise als fettleibig klassifiziert werden.
Wie wird der WHtR berechnet?
Die Berechnung des WHtR ist einfach und schnell durchführbar:
- Messen des Taillenumfangs: Der Taillenumfang wird in Zentimetern an der schmalsten Stelle des Bauchs gemessen (oft knapp über dem Bauchnabel).
- Körpergröße messen: Auch die Körpergröße wird in Zentimetern gemessen.
- Formel anwenden: Der WHtR wird berechnet, indem der Taillenumfang durch die Körpergröße geteilt wird: WHtR = Taillenumfang (cm) ÷ Körpergröße (cm)
Ein Beispiel:
Wenn der Taillenumfang 80 cm und die Körpergröße 160 cm beträgt:
WHtR = 80 ÷ 160 = 0,5
Grenzwerte des WHtR
Der WHtR wird anhand eines einfachen Maßstabs bewertet:
- WHtR ≤ 0,5: Normalgewicht. Ein WHtR in diesem Bereich gilt als unbedenklich.
- WHtR > 0,5: Übergewicht. Ein Wert über 0,5 deutet auf ein erhöhtes Risiko für metabolische Erkrankungen hin.
- WHtR > 0,6: Starkes Übergewicht. In diesem Bereich steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere gesundheitliche Probleme signifikant.
Diese Einteilung macht den WHtR zu einem klaren und leicht verständlichen Indikator für die Gesundheitsbewertung.
Fazit: WHtR als verlässlicher Indikator
Für eine aussagekräftige Diagnostik des Lipödems ist der WHtR der bevorzugte Indikator, da er:
- das metabolisch relevante Fett berücksichtigt,
- weniger anfällig für Fehleinschätzungen ist,
- und eine genauere Grundlage für individuelle Therapieansätze bietet.
Wissenschaftliche Grundlage
Die hier präsentierten Erkenntnisse basieren auf der aktuellen Forschung:
Brenner E., et al. (2023): Body mass index vs. waist-to-height-ratio in patients with lipohyperplasia dolorosa (vulgo lipedema), veröffentlicht im Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (JDDG).
Der Wechsel von BMI zu WHtR ist ein bedeutender Fortschritt in der Lipödem-Diagnostik und unterstützt sowohl Ärztinnen und Ärzte als auch Patientinnen dabei, fundierte Entscheidungen für die Behandlung zu treffen.
